Kann Biokohle als Wegbereiter für den Kohleausstieg dienen? - DWR eco
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Kann Biokohle als Wegbereiter für den Kohleausstieg dienen?

Ob Kohleausstieg oder Ende des Verbrennungsmotors — der zeitliche Rahmen und die Abschätzung systemischer und ökonomischer Konsequenzen im Übergang zum post-fossilen Zeitalter sind in den letzten Wochen und Monaten zentraler Bestandteil der energiepolitischen Debatte. Auch wenn sich viele Akteure aus Gründen der Kosteneffizienz und Systemsicherheit noch nicht für eine solche energiewirtschaftliche Zäsur gewappnet sehen, existieren bereits viele verschiedene Technologien und innovative Lösungen, wie man diesen Paradigmenwechsel auch basierend auf bereits existierenden Infrastrukturen bewältigen kann.

Ein klimaneutraler Brennstoff, der unter veränderten regulativen Rahmenbedingungen als Brückentechnologie dienen kann ist die Biokohle. Darunter versteht man einen aus biogenen Reststoffen mittels der hydrothermalen Carbonisierung (HTC) hergestellten Festbrennstoff, der hinsichtlich seines Heizwerts und seinen Verbrennungseigenschaften mit denen fossiler Kohle vergleichbar ist. Eine Mitverbrennung dieser HTC-Kohle in bestehenden Kraftwerken aber auch die Monofeuerung in neuen Blockheizkraftwerken mit dem Ziel klimaschädliche fossile Kohle zu substituieren ist zumindest mit überschaubaren Nachrüstungsmaßnahmen technisch machbar. Neben der energetischen Nutzung ist Biokohle in vielen weiteren Cleantech-Segmenten, wie dem Nährstoffrecycling, als erneuerbarer Rohstoff für die Industrie sowie als organischer Dünger in Landwirtschaft und Gartenbau anwendbar und wurde nicht umsonst bereits häufig als „Zauberkohle“ betitelt.

Unser Senior Analyst Jakob Medick hat zusammen mit Isabel Teichmann und Claudia Kemfert vom DIW Berlin am Beispiel des Großraums Berlin/Brandenburg untersucht, welchen Beitrag die Co-Verbrennung von Biokohle in Berliner Steinkohlekraftwerken zu Klimaschutz und urbaner Energiewende leisten kann. Der DIW-Wochenbericht verdeutlicht, dass derzeit klimapolitisch und ressourcenökonomisch unzureichend verwertete Reststoffe wie Grünschnitt und Laub können demnach zu einer signifikanten Einsparung von Treibhausgasen von bis zu 70 000 Tonnen CO2-äq. pro Jahr führen. Dies entspricht ungefähr 1,6 Prozent des Treibhausgasreduktionsziels, das sich das Land Berlin für das Jahr 2020 gegenüber 2005 gesetzt hat.

Die ökonomische Analyse zeigt jedoch anhand von verschiedenen Szenarien, dass eine Umstellung auf HTC-Kohle betriebswirtschaftlich, zumindest unter aktuellen CO2-Preisen, nicht darstellbar ist. Die Treibhausgasvermeidungskosten einer Mitverbrennung der HTC-Kohle in einem bestehenden Kohlekraftwerk beläuft sich auf etwa 75 Euro pro Tonne CO2 und übersteigt damit deutlich die aktuellen CO2-Preise im Rahmen des europäischen Emissionshandels (EU ETS).

Die Debatte um eine angemessene CO2-Bepreisung in Form von CO2-Steuern und Mindestpreisen hat im Zuge der COP21-Beschlüsse, der nationalen Klimaziele für 2020 und der aktuellen energiepolitischen Debatte rund um die Koalitionsverhandlungen wieder an Momentum gewonnen. Dass das Thema CO2-Bepreisung in der kommenden Legislaturperiode gute Chancen hat auf der energiepolitischen Agenda zu bleiben, geht auch aus dem jüngst veröffentlichten DWR-eco Cleantech-Check der Verbände hervor. Danach fordert eine Vielzahl an Verbänden aus dem Cleantech-Spektrum die Einführung eines wirksamen CO2-Preises, um innovativen und klimaschonende Technologien ein Level-Playing-Field zu ermöglichen und die sektorübergreifende Dekarbonisierung der Energiewirtschaft voranzutreiben.

Denn nur in einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem Umweltschäden einen angemessenen Preis erhalten und bestehende Wettbewerbsverzerrungen abgebaut werden, können sich vielseitig anwendbare und zukunftsfähige Technologien wie die Biokohle frei entfalten. Erst dann können Investitionsanreize entstehen und das gesamte Potenzial von sauberen Technologien sichtbar werden.