03Mai
Von: Nora Zaremba An: Mai 03, 2017 In: Kommentar Comments: 0

Jan Michael Hess, Gründer des Ecosummits, spricht im Interview über die Entwicklung der deutschen Cleantech-Szene, Herausforderungen an Ventures Capitals und zukünftige „Unicorns“.

Lieber Jan, du hast viele Jahre bei Internetfirmen gearbeitet, bevor du 2010 den ersten Ecosummit in Berlin veranstaltet hast. Wie kamst du überhaupt darauf?

Ich habe ein Buch nach dem anderen über den Klimawandel gelesen. Da musste ich dann etwas tun, was nachhaltig ist. 2009 habe ich mich intensiv mit ‚Cleantech’ beschäftigt – also mit der Idee von sauberen Technologien. Daraus entstand der Gedanke, eine Konferenz zu starten, die junge Cleantech-Unternehmen und Investoren in einem vertrauten Rahmen zusammenbringen kann. Die Geschäftsmodelle im Cleantech-Bereich sind zum Teil sehr komplex und darüber sollten beide Seiten ausführlich sprechen.

 Du hast also einfach losgelegt?

Ja, und natürlich habe ich zu Beginn ein paar Fehler gemacht. Zum Beispiel fand der erste Ecosummit an einem Montag statt. Dabei treffen sich jeden Montag traditionell die VCs zu internen Beratungsrunden. Montag ist also der wirklich schlechteste Tag, um sie auf eine Konferenz einzuladen. Über solche Fehler kann ich heute lachen. Ich habe mich davon nicht entmutigen lassen, ebenso wenig wie von der Tatsache, dass die ersten Ecosummits für mich finanzielle Verlustgeschäfte waren. Letztendlich hat sich bewiesen, wie viel Potential in dem Thema steckt. 2011 hatten wir 27 Start-ups auf der Bühne und dieses Jahr werden es rund 60 sein.

Wurde die Cleantech-Szene 2010 überhaupt schon ernst genommen oder war sie eher mit dem Öko-Wollpullover-Image behaftet?

 Cleantech war damals lange nicht so präsent wie heute. Man musste sich viel selbständiger informieren und erkennen, welches Potential im Sektor steckt. Heute ist es kein Geheimnis mehr, dass man mit Cleantech nicht nur zum Umweltschutz beitragen, sondern damit auch Geld verdienen kann. Beispiele wie Tesla zeigen zudem, dass Cleantech längst nicht mehr nur für Ökos ist, sondern gerade bei Gutverdienenden fast schon zur Stilfrage avanciert ist.

Erneuerbaren Energien sind global auf dem Vormarsch. Wer das nicht erkennt und entsprechend handelt, hat die Zeichen der Zeit verpasst. Nicht umsonst sind die alten Hasen des Energiemarkts – die traditionellen Energieversorger beispielsweise – händeringend auf der Suche nach neuen, nachhaltigen Geschäftsmodellen. Mitunter beteiligen sie sich ja auch an innovativen Start-ups. Dennoch würde ich nicht sagen, dass die Zahl der auf Cleantech spezialisierten Investoren zugenommen hat. Meiner Einschätzung nach ist sie in den letzten sieben Jahren recht konstant geblieben.

 Woran liegt das?

Ein VC ist mit seinem Fund langfristig im Geschäft – in der Regel auf 10 Jahre. In den ersten 5 Jahren wird investiert, in den zweiten 5 Jahren wird verkauft. Daneben gilt es, Geld für den nächsten Fund einzusammeln. Wer sich also einmal für einen Markt entschieden hat, bleibt dabei. Es findet wenig Wechsel statt. Ich bemerke allerdings, dass sich zum Beispiel auch Internet-Investoren, die keinen Fokus auf Cleantech haben, an jungen Cleantech-Firmen beteiligen, von denen sie sehr überzeugt sind. Beispiele sind die Beteiligungen von Atomico an Lilium, von Target Partners an Tado oder von Rocket Internet an Thermondo.

Wo liegen die Herausforderungen für Investoren?

Eine Herausforderung besteht sicherlich darin, dass Hardware Start-ups in der Regel mehr Geld für die Entwicklung einer Technologie oder eines Prototypen brauchen. Zudem benötigen sie ein paar Jahre, bis sie tatsächlich den Markteintritt schaffen. Da haben Start-ups, die reine Software-Lösungen anbieten, natürlich einen Vorteil. Deshalb ist es heute eher gängig, dass Start-ups mehrere aufeinander aufbauende Finanzierungsrunden planen und ihr Managementfähigkeiten beweisen müssen. Sie bekommen keinen großen Batzen auf die Hand von nur einem VC, sondern mehrere Häppchen von verschiedenen VCs.

Sicherlich waren damals andere Themen relevant als heute. Könntest du das näher beschreiben?

Damals ging es zunächst darum, den Energiemarkt überhaupt erst einmal schrittweise umzubauen und zu zeigen, dass Erneuerbare Energien funktionieren. Dafür war die Entwicklung besserer und vorallem günstigerer Erneuerbaren Energien essentiell, allen voran der PV. Hier haben die ersten Solar-Start-ups Vorarbeit geleistet, die inzwischen mehrheitlich von den Chinesen aus dem Markt gedrängt wurden.

Heute sind die Weichen im Energiemarkt gestellt. Die Energiewende ist längst beschlossene Sache, die Technologien sind größtenteils auch klar. Nun geht es aber um das Wie. Deshalb bietet der neue Energiemarkt heute zahlreiche Möglichkeiten für Start-ups, auch ohne viel Kapital mitwirken zu können. Digitalisierung oder Internet of Things sind hier die entscheidenden Schlagworte für neue Geschäftsmodelle. Viel Potential gibt es natürlich auch im Bereich Elektromobilität, wenngleich Elektroauto-Start-ups wegen der extremen Kapitalintensität sehr selten sind.

 Fehlt uns da ein deutsches Tesla?

Elon Musk hat viel riskiert. Für Tesla hat er seine Internetfirma verkauft und ist daran fast Bankrott gegangen. Musk ist allerdings ein Spezialist in Sachen Vermarktung. Wir in Deutschland haben tolle Ideen und auch die nötige Stärke, um Innovationen auf den Weg zu bringen. Allerdings finden wir hierzulande eine weniger entwickelte Gründerkultur vor. In der Regel trauen sich Start-ups seltener an Themen heran, die sehr kapitalintensiv sind. Neue Solartechnologien der 3. Generation wie organische PV sind für Start-ups spannend, aber silikonbasierte PV der 2. Generation ist fest in der Hand der chinesischen Konzerne.

 Wann wird nun also das erste gute deutsche Elektroauto auf den Weg gebracht? Ich glaube, es wird nicht von einem Start-up kommen, sondern von einem etablierten Autobauer. Das ist einfach eine Kapitalfrage. Aber solange die Autobauer mit ihrem ursprünglichen Geschäft – dem Diesel oder Benziner – gutes Geld verdienen, wird echte Innovation leider weiter hinaus gezögert. Und ein guter Ingenieur hat da auch wenig Anreiz, sein eigenes Ding zu machen.

Welches Start-up findest du derzeit spannend?

Das wertvollste, nicht börsennotierte Startup der Welt ist Uber mit einer Bewertung von über 62 Milliarden Dollar. Da Mobilitätsinnovationen auch zu Cleantech gehören, sehen viele Experten in Uber ein intelligentes grünes Startup.

In Europa sind die französischen Start-ups BlablaCar und Sigfox am wertvollsten. Aus dem deutschen Raum gefallen mir Sonnen, Thermondo, Tado, Next Kraftwerke und Mobisol. Mit Begeisterung verfolge ich zudem die Erfolgsgeschichte von Lilium, einem Münchener Start-up. Ihr eigens entwickelter Lilium-Jet ist ein ausschließlich elektrisch angetriebenes Flugzeug und in dieser Hinsicht das erste seiner Art. Erst jüngst hat es seinen Jungfern-Flug erfolgreich gemeistert. Alle hypen Elektromobilität im Straßenverkehr. Aber man muss sich ja nur mal vorstellen, wie viel Potential in der Elektrifizierung des Flugverkehrs liegt.

Das Motto des diesjährigen Ecosummits lautet übrigens ‚Smart green unicorns made in Europe’. Der Begriff ‚Unicorn’ steht in der Szene für ein Start-up mit Milliardenbewertung. Es ist also unser erklärtes Ziel, jene Start-ups ausfindig zu machen, die in ein paar Jahren zum Unicorn aufsteigen könnten.

Über den Ecosummit:

Seit 2010 bringt der Ecosummit intelligente grüne Startups, Investoren und Unternehmen in Berlin, Amsterdam, Stockholm, London und Paris zusammen. Am 9. und 10. Mai 2017 findet der nächste Ecosummit in Berlin statt. Dort wird auch der Ecosummit Award 2017 an jeweils drei Start-ups in den Kategorien „Early Stage“ und „Late Stage“ verliehen. Neben Munich Venure Partners werden auch weitere Venture Capitals auf der Veranstaltung präsent sein, unter ihnen auch SET Ventures und Inven Capital.